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Freitag, 21. Dezember 2012

mission: eindruck schinden

Es ist inzwischen schon einen ganzen Monat her, dass ich mich morgens aufmachte, eine besondere Mission zu erfüllen. Dass ich auf die Fähre nach Europa stieg, hinterher die Tram von Eminönü aus nahm und bei Zeytinburnu in die Metro wechselte. Gesamtreisezeit: etwa anderthalb Stunden. Endhaltestelle: der Atatürk-Flughafen, der große internationale Flughafen auf der europäischen Seite Istanbuls. 
Ich war ein bisschen spät dran, darum standen sie schon ein paar Minuten lang im Ankunftsbereich, als ich mit großen Schritten die Halle durchquerte und unter den vielen dort wartenden Menschen nach bekannten Gesichtern Ausschau hielt. 
Mein Vater sah mich als erstes, aber er war schon immer besser darin Ausschau zu halten, als der Rest der Familie. Ich begann zu grinsen, als ich ihn sah - und dann tauchten auch Jessi und meine Mutter neben ihm auf und dann waren da nur Wiedersehensfreude, Umarmungen und sogar ein paar Tränen.
Es war ein ganz merkwürdiges Gefühl, sie auf einmal hier zu haben, meine Familie. Meine Heimat in dieser fremden Welt zu Besuch zu sehen, in der ich mich so bequem eingerichtet hatte. Aber wie auch schon bei Lena war es einfach eine wundervolle Gelegenheit, ihnen diese meine neue Erfahrungswelt nahezubringen, eine Chance, die ich wirklich zu schätzen wusste (und weiß) und in Anbetracht der Tatsache, wie viel pessimistische Rückmeldung ich im Vornherein auf meine Entscheidung, in der Türkei studieren zu wollen, bekommen hatte, wirklich zu nutzen entschlossen war. Und so verschmolzen die nächsten Tage beinahe in einer Überblendung der verschiedenartigsten Eindrücke ineinander: Frühstück im Hush-Hostel. Der Grand Bazaar. Hagia Sofia. Die blaue Moschee. Fähren. Die neue Moschee. Gewürzbasar. Dolmuş-Fahrten. Çay. Baklava. İskender. Ortaköy. Kumpir. Bosporus-Tour. Shopping-Center. Beşiktaş. Bağdat Caddesi. Kadıköy. Zurma-Dürüm. Dolmabahçe. Türkisches Brot. Rumeli Hisarı. Und selbstverständlich all die Male, die ich mit meinen frisch gebackenen Sprach- und Ortskenntnissen geglänzt habe - oder es zumindest versuchte. 


Dienstag, 18. Dezember 2012

mittelerde - oder auch nicht

"Wir haben hier keine Reservierung für acht Personen." Die Mitarbeiterin des Kinos blickt von ihrem Bildschirm auf und schaut mich gelangweilt an. Es könnte ihr nicht egaler sein. 

Ich starre sie ungläubig an und versuche zu herauszufinden, ob ich sie vielleicht missverstanden habe. Ob sie vielleicht etwas anderes gesagt hat - mein Türkisch ist schließlich noch immer nicht wirklich gut - aber nein, hat sie nicht. "Wenn Sie Ihre reservierten Karten abholen wollen, dann brauchen Sie den Code, den Sie am Telefon erhalten haben." 
"Aber wir haben nicht per Telefon reserviert!", erkläre ich ihr zum fünften Mal. "Wir waren am Samstag hier und haben es vor Ort gemacht!" Sie schüttelt nur erneut teilnahmslos den Kopf und ich gebe auf - meine Türkischkenntnisse reichen hier nicht aus und es lässt sich so oder so nichts machen, da die Vorstellung für den Hobbit komplett ausverkauft ist. Schon wieder. 

Niedergeschlagen kehre ich zu meiner Gruppe zurück und erkläre die Situation. Cansu kommt im Kino an, versucht es als Muttersprachlerin ebenfalls noch einmal - erfolglos. Unser Kinoabend wäre damit endgültig geplatzt. Die Stimmung ist zunächst im Keller, doch Nienke bietet an, dass wir einfach ein bisschen Bier kaufen und bei ihr in der Wohnung sitzen könnten. Christiaan, Jessica und ich kommen dem nach, die anderen - Cansu, Nate - der Amerikaner - und Fabio sowie Carolina - die Portugiesen - kehren einfach wieder nach Hause zurück. 

Als ich die Wohnung von Nienke betrete, die sie sich mit elf anderen Erasmus-Studenten teilt, begrüßt mich Ahmed, Türke, indem er den anderen Anwesenden lautstark verkündet: "Dieses Mädchen ist unglaublich gut in Türkisch. Ernsthaft, incredible. Und das in nur vier Monaten!" Vier einhalb, aber das sage ich nicht laut. Er verwickelt mich in eine Konversation auf Türkisch, fragt mich, was ich am Tag gemacht habe und was ich gegessen hätte - Anfängerniveau. Nichtsdestotrotz sind alle anderen Anwesenden beeindruckt, zu meinem Leidwesen. Ich bin nicht einmal stolz auf meine Leistung, aber es ist anscheinend mehr, als sie vollbringen könnten. Nun ja. Der Abend vergeht ziemlich schnell, es ist eine entspannte Runde inmitten von Menschen, die mir in den letzten drei einhalb Monaten in Istanbul ernsthaft ans Herz gewachsen sind. Einige werde ich bald nicht mehr wieder sehen, die ersten "Lebe Wohl"-Sagungen stehen kurz bevor. Ein Gedanke, der mich wirklich wehmütig macht. 



Montag, 26. November 2012

ach, übrigens

Wenn man in der Türkei studieren möchte, dann muss man eine Prüfung ablegen. Anders als in Deutschland ist nicht die Abschlussnote aus der Schule entscheidend, wenn es um die Wahl der Universität geht, sondern eine dreistündige Prüfung, deren Ergebnis die Eintrittskarte zu den Eliteuniversitäten des Landes sein kann - oder selbige für immer unzugänglich macht. In Istanbul gehören unter den privaten Universitäten die Koç Üniversitesi und die Sabancı zu den elitären Orten, für die das Ergebnis der erwähnten Prüfung wirklich gut sein muss, die Yeditepe ist eher im Mittelfeld anzusiedeln. Und auch, wenn das Äußere meiner Gastuniversität sehr ansprechend erscheint, so ist doch hinter der gepflegten Fassade und der modernen Ausstattung nicht viel Qualität zu finden, zumindest meiner Erfahrung nach. 
Das universitäre Niveau ist in keiner Weise mit dem in Deutschland zu vergleichen, der Anspruch an die zumeist (Achtung, Verallgemeinerung) wohlhabenden und verwöhnten Studenten eher entspannt. Und so kommt es dann, dass wir mitten im Semester, und das noch kurz nach der Zeit der Midterms, einfach mal eine Woche frei bekommen, weil anscheinend viele der Lehrer durch das Land reisen und die Universität bewerben. Ist ja schön und gut, aber eine ganze Woche ohne Unterricht, nur, damit ein paar der Lehrer Werbung machen gehen können? Interessante Mentalität. 
Unterm Strich ist es doch wieder gut für mich, denn so muss ich diese Woche keinen Finger krümmen und kann mich ganz um all die Dinge kümmern, die ich so oder so schon viel zu lange mal machen wollte. Meinen Weblog aktualisieren zum Beispiel. Und ohne Grund bis fünf Uhr morgens aufbleiben. Schweres Studentenleben!

neunundzwanzigster oktober

Der neunundzwanzigste Oktober ist ein Feiertag in der Türkei, ganz ähnlich dem dritten Oktober in Deutschland oder dem oder dem vierten Juli in den USA. Und doch gibt es da ein paar Unterschiede in der Art, wie Regierung und Volk diesen ihren Tag wahrnehmen und nutzen.

Ein Land feiert sich selbst - und seinen Helden

Fährt man am sogenannten Tag der Republik durch Istanbul, dann fällt auf, dass das normalerweise bereits sehr lebendige Stadtbild an diesem Tag noch farbenfroher erscheint. Wo sonst hin und wieder die eine oder andere türkische Flagge zu sehen ist, lassen sich plötzlich ganze Häuserfronten finden, die in rote Teppiche mit Stern und Halbmond darauf eingekleidet sind. Überall hängen Wimpel, Fähnchen, Flaggen und Lichterketten - und jede einzelne Fußgängerüberführung über den Highways trägt deutlich lesbare Spruchbanner mit den Worten "Herzlichen Glückwunsch zum 89. Jahrestag unserer Republik!". Ein Land, in innigster Liebe zu sich selbst. Eine Regierung, vollkommen hinter den Bürgern stehend. Ein Tag, voller Schein und Sein und reinster Glückseligkeit. Nicht wahr?
Es ist nun schon 89 Jahre her, dass Mustafa Kemal Atatürk, der Vater des Türken, das konservative, stark religiöse und vom ersten Weltkrieg geschwächte Osmanische Reich reformierte und die Republik der Türkei gründete, der erste Tag in der strahlenden Geschichte (s)eines neuen Landes. Das ist es zumindest, was es sein sollte. Und er mag ein Mann mit vielen Kritikpunkten gewesen sein, es mag der deutschen Seele ein wenig befremdlich anmuten, ein Volk so vernarrt in einen einzelnen Menschen zu sehen - Fakt ist, ohne Atatürk gäbe es die Türkei, wie sie heute existiert, womöglich nicht. Die große Feuerwerkshow am Abend des neunundzwanzigsten Oktober, die in Gedenken an eben diesen Mann veranstaltet wird und jedes Jahr an der majestätischen Bosporus-Brücke ihren Ausgang findet, ist also gerechtfertigt, die Regierung kann ihre Beliebtheit steigern, indem sie ihrem Volk das gibt, was es will, und das ist die bedingungslose Verehrung seines Helden.


Das gespaltene Land

All dies könnte so einfach ablaufen. Die Türken wollen ihre Feierlichkeiten, also gebt ihnen doch ihre Feierlichkeiten. Opium des Volkes in der Form von Personenkult. Doch ganz im Gegenteil, im Vorfeld des Tags der Republik gab es sogar Diskussionen darüber, die Umzüge, Feuerwerksshows und anderweitige Zelebrierungen in diesem Jahr ausfallen zu lassen, weil Stimmen laut geworden waren, die vermuten ließen, dass man regierungskritische Märsche und Proteste zu befürchten hatte. 

In den letzten Jahren hat sich die Regierungspartei unter Recep Tayyip Erdogan immer weiter in eine Richtung entwickelt, die die von Atatürk eingeführte strikte Trennung von Kiche und Staat zunehmend aufhebt und der Religion erlaubt, sich in Teile des Lebens zu schleichen, in denen sie nach europäischen Standards eigentlich nichts zu suchen hat. Die Aufhebung des Kopftuchverbots an Universitäten aus dem Jahr 2008 ist eines von vielen Beispielen dafür. In Gesprächen mit den Einheimischen gehen die Meinungen diesbezüglich auseinander: hin und wieder hört man, die Regierung eröffne den Menschen lediglich "Möglichkeiten" in der Religionsausübung, meistens jedoch fluchen alle darüber, dass das Werk ihres großen Idols, ihres Heilsbringers, nach und nach rückgängig gemacht wird (zumindest soweit, wie das geht, ohne zugleich mit dem EU-Beitritts-Interesse der Regierung zu interferieren).

Festlichkeiten zum Tag der Republik

Mittwoch, 17. Oktober 2012

taken two

Bevor ich in den nächsten Tagen meinen Bericht vom Wochenende hochlade, hier und heute zunächst einmal eine etwas belanglosere Sache: ich war gestern im Kino. 
Jaja, wundervoll, spannend, überwältigend, ich weiß ja. 
Warum ich das dennoch hier poste, hat seine Bewandtnis weniger in der Tatsache, dass der Film so gut war - das war er ganz sicher nicht - sondern  viel mehr darin, dass er in der Stadt spielte, in der ich mich gerade aufhalte. 
Taken 2 - oder 96 Hours, wie die Übersetzer ihn merkwürdigerweise genannt haben - ist naheliegenderweise die Fortsetzung von Taken 1. Die Geschichte des ersten Teils ist simpel: Mädchen reist mit Freundin nach Paris, die beiden werden entführt. Vater dreht völlig durch und beginnt eine Gemetzeljagd durch Paris, schafft es, seine Tochter zu retten. Keine sonderlich innovative Geschichte, allerdings fand ich zumindest den Beginn nicht übermäßig schlecht. Zwei allein reisende Mädchen, die mit netten Männern am Flughafen reden und genau auf die falschen stoßen? Ehrlich, so etwas passiert im realen Leben jeden Tag. Und ist wahrscheinlich genau deswegen so explosiv als Beginn für einen Film. Geben wir also Teil 2 mal eine Chance.
Der hat weder eine beeindruckende Story, noch kann er durch die wenig kreativen Kampfszenen und halbherzig heruntergeschriebenen Dialoge überzeugen. Ehrlich, die Hälfte der Zeit war ich nur am Lachen wegen dieser übertriebenen Künstlichkeit. Was dem Film allerdings irgendwie doch einen Sehenswert-Faktor gibt, sind die ganzen Ausschnitte aus Istanbul. 
Der Moment, als Vater und Tochter gemeinsam auf der Fähre nach Asien sitzen - genau da habe ich auch schon unzählige Male gesessen, habe Chay angeboten bekommen, habe den Ausblick auf die Aya Sofia und die Blaue Moschee genossen. Die Blaue Moschee, die Neue Moschee, der Platz vor der Neuen Moschee, Istanbuler Hinterhöfe, das Marktviertel, Istanbuler Dächer, Istanbuler Touristenläden - irgendwie hat all das ja doch seinen Charme, einfach, weil ich all diese Orte inzwischen kenne und dort war und mir auf dem großen Bildschirm mal wieder aufgefallen ist, wie sehr ich Istanbul liebe...
Und ganz ehrlich, eigentlich ist ein traditionelles türkisches Hamam für den Showdown gar keine so schlechte Wahl.


Donnerstag, 11. Oktober 2012

diary of an erasmus student

Dienstag, 09.10.2012

06:12 Uhr
Der Wecker geht an. Ganz Schön Feist erklärt mir, er wäre ein Gänseblümchen. Ich ignoriere ihn.

06:54 Uhr
Ich quäle mich aus dem Bett, was die erste wirklich beeindruckende Leistung des Tages ist. Gehe duschen, ziehe mich an - und stelle fest, dass ich Wäsche waschen muss -, packe meine Sachen und verlasse um kurz nach halb acht das Haus.

07:48 Uhr
 
Ich kaufe bei dem netten Mann am Busbahnhof einen Simit für einen Lira. Mein Frühstück.

08:00 Uhr
Ich steige in den Bus, ziehe meine Busfahrkarte mit Studentenrabatt über das Geraet, dass den wahnwitzigen Betrag eines ganzen Liras abbucht, dann suche ich mir einen Platz im hinteren Teil des Busses, wo ich mit viel Krümeln mein Frühstück verzehre.

09:05 Uhr
Ich erreiche den Klassenraum; Nate, mein amerikanischer Mitstudent, ist schon da und begrüsst mich mit den Worten "You look exhausted." Was für ein nettes Kompliment!
Er umarmt mich zur Begrüßung, während ich erkläre: "I AM exhausted."
"So, how was your weekend?", fragt er, und ich drücke mich an ihm vorbei, um auf dem Stuhl neben seinem Platz zu nehmen.
"Exhausting?", biete ich als Erklärung an. Er lacht.

09:20 Uhr
Unsere Lehrerin erreicht den Klassenraum - nicht, wie ich dachte, mit zwanzig Minuten Verspätung, sondern in der Tat zehn Minuten zu früh (ich hatte mir einfach den Beginn des Unterrichts falsch gemerkt) - und mit ihr einige unserer türkischen Kommilitonen, von denen einer uns noch vor Beginn der Stunde bei Facebook zur Gruppe des Kurses hinzufügt. Man muss sich ja immer sozialisieren.

09:36 Uhr
Der Unterricht beginnt. Wir hören die erste Präsentation der anstehenden Midterm-Assignments (zu denen ich an anderer Stelle einen einzelnen Eintrag veröffentlichen werde). Es ist langweilig.

10:53 Uhr
Die Stunde ist beendet, ich gehe mit Nate, einem Deutschen und einem Österreicher zum "Pilav-Mann", einem Reis-Schnellrestaurant, das sich vor den Toren des Campus befindet und das eeeeeiiigentlich "Pilav Dünyası" heißt. Die Muskeln in meinen Beinen protestieren beim Erklimmen des Hügels zum Eingang des Campus, das ganze Schleichen und Huschen beim Paintball am Sonntag fanden die irgendwie nicht so angenehm. Das Essen in diesem unserem Stammlokal ist fantastisch und verhältnismäßig günstig, die Unterhaltung beim Essen verhalten, aber angenehm. Wir reden über den Wochenend-Trip nach Kappadokien, der am Donnerstag beginnen wird.

12:06 Uhr
Ich erreiche den Klassenraum für Advertising Photography und unterhalte mich ein bisschen mit Charlotte und Luisa aus Österreich und Holland, ehe der Unterricht beginnt. Advertising Photography ist mein Lieblingskurs in diesem Semester, auch wenn ich am Liebsten neben all den realitätsnahen Praxisbeispielen ein paar abstrakte, wissenschaftliche Texte lesen würde. Werbefotografie ohne theoretischen Hintergrund zu erlernen hat meiner Ansicht nach wenig Sinn, aber vielleicht bin ich auch einfach nur vorgeschädigt. Am Ende der dreistündigen Sitzung bekommen wir die Aufgabe, mithilfe von externen Blitzgeräten verschiedene Variationen auszuprobieren. Da ich keines besitze, rede ich nach der Stunde mit dem Lehrer und frage, ob es möglich wäre, so etwas von der Uni auszuleihen. Nach einigem Hin und Her verspricht er, mich am selben Abend am Bullen in Kadiköy zu treffen und mir sein eigenes, privates Blitzgerät auszuleihen. 

15:17 Uhr
Ich trete in den kleinen, mit vier Mac-Computern ausgestatteten Arbeitsraum, der den Studenten in meiner Fakultät zur Verfügung steht. Einer meiner Kommilitonen vom Mittagessen ist bereits da und schneidet ein Video eines seiner Kurztrips zusammen. Ich setze mich an einen der Rechner und tippe ein paar Zeilen für das Zwei-Monate-Fazit (das sehr verspätet irgendwann bald mal kommt), verzweifle allerdings an der Tastatur. 

16:08 Uhr 
Auch die dritte Sitzung an diesem Tag erreiche ich verspätet. Türkisch. Die Klasse hat gerade begonnen, die Hausaufgaben zu vergleichen, als ich leise in den Raum schlüpfe und mich auf einen der freien Plätze setze. Ich war ja den ganzen Tag über relativ müde, aber jetzt ist es besonders schlimm. Wir lernen, wie man ausdrückt oder fragt, dass oder ob man etwas kann, und ich muss mich anstrengen, nicht einzuschlafen, sondern aufmerksam zu bleiben. Schweres Studentenleben.

17:47 Uhr
Ich stehe endlich am Bus auf dem Weg nach Hause. Die anderen Türkischlerner gehen noch gemeinsam Tee trinken, aber erstens bin ich um Sieben mit meinem Werbefotografielehrer in Kadiköy verabredet, zweitens beginnt um 18 Uhr im Hush Hostel eine Grillparty, die ich eigentlich gern besuchen möchte, darum verschiebe ich das Kontakteknüpfen hier auf nächste Woche. 

18:55 Uhr
Ich erreiche meine Wohnung, schreibe Christiaan, dass ich später zur Grillparty kommen werde, rufe meinen Lehrer an. Christiaan schreibt, er würde gerade kochen und somit nicht grillen, ich könne rüberkommen, wenn ich wollte, es wäre genügend zu Essen da. Mein Lehrer sagt, er bräuchte noch mindestens eine weitere halbe Stunde. Ich packe meine Wäsche in die Waschmaschine. 

19:10 Uhr
Ich verlasse die Wohnung. 

19:35 Uhr
Mein Lehrer ruft mich zurück, er wäre jetzt zu Hause und würde sich auf den Weg machen. Ich beende mein Mahl zügig, dann mache auch ich mich wieder auf den Weg.

19:57
Ich treffe meinen Lehrer an der Bullenstatue im Zentrum von Kadiköy. Er zeigt und erklärt mir sein Blitzgerät im Schnelldurchlauf, dann überreicht er es mir. Überschwänglich dankend verabschiede ich mich und mache mich auf den Weg nach Hause, um es sicher zu verstauen.

20:32
Christiaan und ich kommen im Hush Hostel an. Die vertraute Umgebung des Gebäudes erfüllt uns beinahe mit so etwas wie Melancholie, all die "neuen" Gäste im Hostel geben uns das Gefühl, einer alten Generation anzugehören.  Wie lange ist es schon her, seit wir in diesem Haus übernachtet haben!  Gerade einen Monat, aber nun ja. Hannah, Nienke, Vicky und ein paar andere unserer Freunde aus Istanbul sind bereits da, in den nächsten Stunden kommen noch ein paar weitere hinzu. Die Stimmung ist angenehm, die Menschen wie immer nett und ich kann mir sogar ein wenig Salat schnorren.

21:46
Die Gartenparty ist vorbei und wir werden von den Mitarbeitern des Hostels beinahe wie in einer Art Schafherde durch das Zentrum von Kadiköy zum "neuen" Hush Hostel gescheucht, das vor ein paar Tagen eröffnet hat und über eine wundervolle Dachterrasse verfügt. Dort sitzen wir noch ein wenig und unterhalten uns, ehe die Vernunft uns einholt und ich mich auf den Weg in Richtung Bett mache. 

00:04 Uhr 
Ich bin zu Hause und starte noch einmal den Computer, um zu schauen, was es im Internet so Neues gibt. Eigentlich muss ich in sechs einhalb Stunden wieder aufstehen, aber manche Dinge müssen eben sein. Ich chatte noch ein wenig mit Lena, dann werde ich von Onur, einem türkischen Kommilitonen, angeschrieben und betreibe ein wenig Smalltalk, ehe ich mich von Facebook und der Welt verabschiede und innerhalb kürzester Zeit meinem wohlverdienten Schlaf entgegendöse.

Dienstag, 2. Oktober 2012

beyaz! - siyah!

Ich hatte gestern eine Premiere. Zwar (leider?) keine Filmpremiere, aber eines dieser Firsts, von denen man immer viele im Leben hat und die es eben so unterhaltsam und lebenswert machen. 
Ich war gestern auf einem Fußballspiel. 
Jeder, der mich kennt und der meine andauernden Tiraden bei der letzten Europameisterschaft mitbekommen hat, sollte spätestens jetzt anfangen, sich zu wundern - das Wölkchen, Fußball? Wie passt das zusammen? Ganz einfach: gar nicht. Ich saß gestern ahnungslos vor meinem Computer, als mir Mira schrieb, dass sie noch eine Freikarte für das heutige Spiel von Beşiktaş übrig hätten, wenn ich wolle, gehöre die mir. Na gut, dachte ich, wenn das so ist, nehmen wir die doch. Nach organisatorischem Hütchenspiel - mein Handy funktioniert mal wieder nicht, weil ich das Ladegerät in einem Anfall böswiliger Tollpatschigkeit vernichtet habe - trafen wir uns dann abends um Viertel vor Sieben vor den Fähren und fuhren von Kadıköy aus in das Viertel Beşiktaş [Beh-SCHICK-Tasch], wo wir getreu den Mannschaftsfarben Schwarz-Weiß von lauter gestreiften Fans umgeben zum Stadion wandelten. 
Da Hooliganismus in der Türkei ebenso ein Problem ist wie überall und wahrscheinlich noch mehr, gibt es immer gewisse Spiele, bei denen Männer nicht ins Stadion gelassen werden und nur Frauen und Kinder das Publikum bilden - mit vollkommen kostenlosem Eintritt. Und ganz abgesehen davon, dass ich diese Methode für ziemlich genial halte (der Stimmung im Stadion tut die Abwesenheit der Männer keinen Abbruch, absolut nicht), war ich nach wenigen Minuten beim Einlass einmal mehr richtig genervt von vierzehnjährigen Mädchen, die nicht verstehen, dass es keinen Unterschied macht, ob man nun zehn oder neun Minuten vor Beginn des Spiels im Stadion ist. Aber wahrscheinlich bin ich einfach alt und ahnungslos.
*
"Do you - oh. Are you even watching?" Ich reiße meinen Blick vom Spielfeld los und sehe Vicky neben mir überrascht an. 
"What? Oh, no. I always try to concentrate but my mind keeps drifting off..." 
Vicky lacht. "Alright. I was just about to ask you something, but if you didn't see it..."
Ich grinse. "I could act as though I did." Sie lacht erneut. (Übersetzung unten)
*
Das Spiel an sich war nicht sonderlich spektakulär. Beşiktaş soll wohl eine der besten Mannschaften in der ersten Liga des türkischen Fußball sein, ich kann das nicht so genau sagen. Fakt ist, gestern haben sie verloren, trotz einer Menge guter Torchancen (oder zumindest würde ich das als Laie so nennen, weil diese kleine weiße Kugel ziemlich häufig in der Nähe des großen weißen Kastens war. Einige der Spieler hatten neonorange Turnschuhe, das war richtig hässlich.) Was hingegen ziemich spektakulär war, waren die Fans. Wie bereits erwähnt, man hat die Abwesenheit der Männer kaum bemerkt, wenn man vielleicht einmal davon absieht, dass die Frequenz der Gesänge und des Gebrülls um zwei Oktaven höher lag als bei gewöhnlichen Spielen. Die Leidenschaft der weiblichen Fans ist auf jeden Fall bewundernswert. Wenn ich jedoch das nächste Mal hingehe, werde ich vorher die Texte der Fanlieder auswendig lernen, um ordentlich mitbrüllen zu können. Alles, was ich diesmal aufschnappen konnte, war der Kanon an Gebrüll, der das Stadion immer wieder  erfüllt hat, als sich die Mengen gegenseitig anschrien.
"Beyaz!"
"Siyah!"
"BEYAZ!"
"SIYAH!"
Weiß, Schwarz, Weiß, Schwarz.


"Weißt du - oh. Schaust du überhaupt zu?"
"Was? Oh, nein. Ich versuche immer, mich zu konzentrieren, aber meine Gedanken schweifen jedes Mal ab..."
"In Ordnung. Ich wollte dich gerade etwas fragen, aber wenn du es nicht gesehen hast..."
"Ich könnte so tun, als ob."



Sonntag, 30. September 2012

schedule

Pazartesi | Montag
keine Lehrveranstaltungen


Halı | Dienstag
  9:00 - 12:00 - TV Commercial Practicum 
12:00 - 15:00 - Advertising Photography
16:00 - 18:00 - Turkish for Foreigners Stufe 2


Cumartesi | Mittwoch
  9:00 - 12:00 Advertising and Positioning

Perşembe | Donnerstag

13:00 - 16:00 Photography and Visual Techniques
16:00 - 18:00 Turkish For Foreigners Stufe 2

Cuma | Freitag

  9:00 - 12:00 Positioning Strategies in Advertising

Ich werde in nächster Zeit nach und nach ein bisschen was über die Unterrichtsqualität an der Yeditepe berichten, muss allerdings selbst erst einmal ein paar Erfahrungen dazu sammeln. 

DÜNYA!

"Excuse me, you dropped something!" 
Wir blieben stehen, drehten uns um. Der Verkäufer kam auf uns zu, bückte sich kurz - schaute uns dann an und presste die Hände ans Herz. "You dropped my heart", erklärte er mit melodramatischer Stimme. 
Das lag wirklich einfach nur irgendwo zwischen lächerlich und verdammt witzig; lachend zog ich Lena weiter. 
Lena. 
Lena? 
Ja, Lena. 
Lena aus Jena, Psychologie-Studentin, Potter-Nerd, Serien-Junkie, Hobby-Sarkastlerin und - meine beste Freundin. Kurz und knapp: Lena war in Istanbul, in der letzten Woche, von Dienstag- bis Samstagabend. 
"You two look very happy together", war der Kommentar eines Ladenbesitzers, an dem wir während unseres Streifzugs durch den Grand Bazaar vorübergingen, ihr zwei seht sehr glücklich zusammen aus. In der Tat, das waren wir. Sind wir. 
Es war zunächst ein ganz merkwürdiges Gefühl, die alte Heimat, die soweit vom neuen Leben entfernt ist, mit einem Mal in Stellvertretung meines Besuchs hier repräsentiert zu haben, aber auf keinen Fall im negativen Sinne. Und so gingen wir unseren alten Hobbies nach - erkundeten die Stadt, lebten in realitätsfernen Welten und verbrachten besonders viel Zeit damit, die Karte über meinem Schreibtisch anzustarren. 
Es gibt eigentlich nicht so viel zu berichten, das meiste können sich alle, die uns gemeinsam kennen, sicherlich denken. Belassen wir es einfach dabei, dass ich den 27. Dezember, wenn sie aller Voraussicht nach wiederkommt, nicht abwarten kann. 











Samstag, 29. September 2012

Momentaufnahmen

mit Mustafa
Mittag!
Idiotie zur Mittagszeit

Eleganz in Thermessos


Amphitheater
Essen in Antalya'scher Mensa
Lernalltag

Cay und Simit
Deutsch - Slowakin - Tschechin
Kollabierende Studenten
 im Prüfungsstress.
Ich starre auf den blinkenden Cursor, der das reine Weiß der leeren Word-Seite in seinem stetigen Rhythmus durchbricht, und versuche, mir eine gute Herangehensweise für einen neuen Blogeintrag zu überlegen. Eigentlich müsste ich schlafen, es ist kurz vor 12 am Mittwochabend. Ich bin gerade aus dem Kino gekommen, habe mir mit Christiaan einen Film angesehen. Morgen muss ich irgendwann vor sieben aufstehen, da um 9 meine Uni beginnt und ich ausnahmsweise mal pünktlich sein möchte. Bis auf das Tippen der Tasten und gelegentlichen Geräuschen auf der Straße, dem Quietschen von Reifen, dem Hupen der Dolmuş‘, ist es vollkommen still hier. Ich habe eine ruhige Wohnung gefunden. Doch wie kann ich deutlich machen, mit was für einer Flut an Impressionen ich in den letzten Wochen überrollt wurde? Kann ich nicht. Ich kann nur kleine Einblicke geben, Momentaufnahmen, Bildausschnitte aus meiner Wahrnehmung und Erinnerung.

Antalya’dan | Aus Antalya


„…Und darum bitte ich euch, die Türkei in euren Heimatländern zu unterstützen, damit wir in die Europäische Union kommen können! Vielen Dank, dass ihr die Türkei gewählt habt.“

Höfliches Klatschen ertönt. Ich sehe mich im Saal um und sehe viele höflich dreinschauende Gesichter. Die Rede des ersten wichtigen Anwesenden an diesem Tag (wichtig als subjektive Bezeichnung aus der Sicht des Organisators, meines Lehrers Ümit – ich habe mir nicht einmal die Positionen für fünf Minuten lang merken können) ist vorüber, eine zweite folgt sofort, diesmal allerdings in türkischer Sprache. Der Sprechende scheint sich allerdings nicht darüber im Klaren zu sein, dass man nach drei Wochen Sprachkurs noch nicht fähig ist, ganzen Reden zu folgen. Außerdem blendet er erfolgreich aus, dass man auch nicht mehr Wörter versteht, wenn er die ganz langsam ausspricht. Aber er meint es gut. Nach der Eröffnung werden die Sprachzertifikate überreicht, eine aufwendige Mappe mit dem Wappen der Universität und einem einzigen Blatt Papier darin, das bescheinigt, dass ich „erfolgreich am Intensivsprachkurs teilgenommen“ habe. 
Wie übrigens jeder andere aus dem Kurs.

„Ich kann nicht glauben, dass wir die anderen wirklich nie wieder sehen!“
Annikas Stimme spiegelt wider, wie schwer ihr diese Vorstellung fällt, und wie nah sie ihr unerwarteterweise geht. „Ich realisiere das erst jetzt…“ Ich nicke abwesend und starre auf den Boden, während ich neben ihr durch die brütende Mittagshitze laufe. Ich habe mich an diese Art Abschied gewöhnt, rede mir ein, dass man davon viele im Leben hat. Die Wahrheit ist, dass ich mich einfach nicht weiter damit auseinandersetzen will. „Aber wir haben ja immer noch die Party bei Markus heute Abend“, wende ich schlussendlich ein, „vielleicht sollten wir hingehen.“ Annika stimmt zu.

„Ich gehe.“
Ich schaue Recep ein wenig bedauernd an. In den letzten Wochen sind wir zu einer merkwürdigen Art Freunde geworden. Die Art Freunde, bei der die Kommunikation aufgrund von Sprachbarrieren (brüchiges Englisch und Anfängertürkisch) eingeschränkt ist und die achtzig Prozent der Zeit damit verbringen, sich gegenseitig niederzumachen. Keine sonderlich emotional nahegehende Verbindung, und doch habe ich dieses Geplänkel zu schätzen gelernt.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, einen Sekundenbruchteil lang etwas wie Bedauern in seinen Augen aufblitzen zu sehen, ehe er es wie immer mit seinem rüpelhaften Verhalten überspielt und mir gespielt cool die Hand reicht. „We will meet again“, erkläre ich ihm, denn in diesem Moment steht für mich nichts mehr fest als dass ich wieder nach Antalya kommen muss, das paradiesische Antalya, diese wunderschöne Stadt mit dem bezaubernden Yachthafen und der wunderschönen Altstadt und den Strandbesuchen im Mondlicht und den herzlichen Menschen und und und … „Bye.“ Er nickt mir zum Abschied zu, dann drehe ich mich um - und gehe. 


İstanbul’a | Nach Istanbul

İyi günler. Bugün otobüs İstanbul’a var mı?” Guten Tag. Gibt es Busse, die heute nach Istanbul fahren? Ich lächele die Frau vor mir unsicher an. Sie hakt nach, wann genau ich fahren möchte, und sucht dann in ihrem Computer Verbindungen, die sie mir anschließend auf einen kleinen Zettel schreibt. 21:30 Uhr – 9:30 Uhr. Ich schüttele den Kopf, frage versehentlich, ob es spätere Verbindungen gibt, bis mir auffällt, dass ich die Vokabeln verwechselt habe und in Erfahrung bringe, dass an früheren Bussen einer um 18:00 vom Busbahnhof in Antalya abfährt. Es gibt genau einen freien Platz, Sessel 11. Kosten der Fahrt: 65 Lira. Wunderbar, den nehme ich.  Mithilfe unserer Zettelkommunikationsmethode teilt mir die nette Mitarbeiterin der Busagentur Metro noch mit, dass ich um 16:45 vor dem Büro stehen soll, um dann mittels eines Shuttle-Busses zum Busbahnhof transferiert zu werden. Ich schaue auf die Uhr. Das heißt, vier Stunden Zeit. Vielleicht sollte ich in Betracht ziehen, allmählich meine Sachen zu packen. Ich nicke, um mein Verständnis anzuzeigen, dann verabschiede ich mich und gehe. Zum Schluss fragt mich die gute Frau noch in typisch türkischer Manier darüber aus, an welcher Uni ich denn in Istanbul studieren werde. Yeditepe. Für fünf Monate. Ich studiere Medien. Medien. Mä-di-jen? Fernsehen, Radio, Internet...? Beim vierten Anlauf versteht sie, was ich damit meine.

“Affedersiniz? İstanbul’a gidiyor musunuz?“ Entschuldigen Sie, fahren Sie nach Istanbul? Der Mann in weißem Hemd mit „Metro“-Aufdruck nickt bestätigend. Ich gebe ihm meine Koffer, die er wie an Flughäfen mit einem Etikett versieht und im Kofferraum verstaut, dann steige ich in den Reisebus. Es ist noch nicht einmal Sechs, aber ich fühle mich bereits jetzt ausgelaugt. Im Bus, der noch vollkommen leer ist, als ich einsteige, erwartet mich eine positive Überraschung: ich habe einen Fernseher im Sitz! Türkisches MTV, melodramatische Telenovelas, merkwürdig synchronisierte Hollywoodfilme!

Ich atme tief durch. Schaue wieder auf die Uhr. 9:05. Die Zeit lässt mir wirklich keine Gnade. Ich stehe hier, irgendwo im Nichts, und weiß weder, wo ich hinmuss, noch, wo genau ich gerade bin oder wo ich war, bevor ich von dem netten Busfahrer, der festgestellt hat, dass ich vom Busbahnhof den falschen Shuttle genommen habe, in diesen Bus gesetzt wurde. Ehrlich, wenn meine Ankunft in Antalya damals chaotisch war, dann ist meine Ankunft in Istanbul eine komplette Katastrophe. Ich bin übermüdet, ich habe keinerlei Orientierung, ich weiß nicht, wo ich hinmuss, ich bin zu spät. In fünfunzwanzig Minuten beginnt die Eröffnungsveranstaltung an der Yeditepe-Universität und ich befinde mich hier mit meinen beiden superschweren Koffern, die ich eigentlich in Kadıköy bei einer Freundin unterstellen wollte, ehe ich zur Uni muss, im Nichts. Oder vielleicht auch nicht, das weiß ich ja eben nicht. Noch einmal tief durchatmend raffe ich meine Kräfte und meine Koffer und ziehe los. Was soll’s, denke ich mir, ich nehme mir einfach ein Taxi. Ich verlasse den kleinen Bushof und steuere zunächst ein paar Schritte nach rechts, wo auf einer großen Stadtautobahn die Fahrzeuge an mir vorbeirasen. Nein, eher nicht, entscheide ich, und gehe stattdessen nach links, und tatsächlich, nach ein paar hundert Metern finde ich tatsächlich ein Taxi. Zwanzig Lira, so der Fahrer, kostet die Fahrt zur Uni. Ich verlange die Verwendung des Taximeters. Am Ende zahle ich dreißig.


İstanbul’da | In Istanbul

Die Yeditepe Üniversitesi ist groß. Ich weiß nicht, ob ich schon einmal erwähnt habe, dass es sich bei ihr um eine der vielen privaten Universitäten in Istanbul handelt, aber man sieht ihr an jeder Ecke an, dass die Architekten und Betreiber eine Menge zur Verfügung haben. Um das große Eingangstor passieren zu können, muss man durch einen Metalldetektor gehen und dem Sicherheitspersonal im Vorbeigehen den Studentenausweis zeigen. Auf dem Campus, der sehr grün gehalten ist und von diesen modernen Häusern im hässlichen Orange dominiert wird, muss man zunächst einmal einen Hügel hinuntersteigen, um zu den Lehrgebäuden zu kommen – allerdings kann man dies auch mit einem der vielen Minibusse tun, die dort ständig im Kreis fahren und alle lauffaulen Studenten (entschuldigt die Wortwiederholung) an ihre Ziele bringen. In den einzelnen Fakultätsgebäuden gibt es auch noch einmal überall Security an den Eingängen, allerdings meist in Form eines oder zweier Wachmänner hinter einem Schreibtisch. Und dann die Hunde! Überall auf dem Campus gibt es große Hunde. Schwarze, braune, gelbe, zottelige und kurzhaarige. Allesamt zahm und wohlgenährt und tierisch faul.

 „Daniel?“ Meine Stimme klingt genauso überrascht, wie der junge Mexikaner, der sich auf meinen Ausruf hin umdreht, aussieht.
„Hey, was machst du denn hier?“ Er kommt auf mich zu und umarmt mich.
„Ich wohne hier.“ Mit einer Hand deute ich auf das Zimmer, das ich gerade verlassen habe – den Mädchenschlafsaal mit sechs Betten im Hush Hostel. Wir unterhalten uns ein paar Minuten lang über unsere individuellen Reisen nach Istanbul – wir haben gemeinsam den Sprachkurs in Antalya gemacht und sind dort so etwas wie Freunde geworden – und er eröffnet mir, dass auch ein paar andere Sprachkursteilnehmer im Hostel untergebracht sind und waren. Es ist noch immer mein erster Tag in Istanbul, ich bin noch immer müde – und dennoch entscheide ich, seine Einladung, gemeinsam mit ihm und zwei seiner Bekannten aus dem Hostel essen zu gehen, anzunehmen. Man muss sich ja immer sozialisieren. Wenn ich doch zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hätte, wie unglaublich bezeichnend dieses Wort für meine ersten Wochen in Istanbul werden würde.

Das erste, das mir auffällt, als ich in den Flur trete, sind Massen an Schuhen. Frauenschuhen. Sie stehen auf Regalen entlang der Flurwand, bestimmt fünfzig Paare. Meine potentielle Vermieterin, die sich als Burcu vorgestellt hat, lächelt entschuldigend, als sie sieht, wie ich ihre Sammlung mustere, dann zeigt sie mir ihre Wohnung. Ich habe die Annonce für dieses Apartment nicht auf Craigslist gefunden, wie viele andere meiner Erasmuskollegen, sondern bei Couchsurfing. Das Zimmer, welches ich mir hier anschaue, hat mir auch auf den Bildern im Internet sofort gefallen. Die Wohnung ist klein, aber liebevoll eingerichtet und sauber. Bad und Küche sind in gutem Zustand, es gibt alles, was das kochende Herz begehren könnte und der riesige Kühlschrank ist so gut wie leer. When will you tell me if you take the room?, fragt mich Burcu am Ende ihrer kleinen Tour. Wann wirst du mir mitteilen, ob du das Zimmer nimmst? Ich lächle nur, ein wenig verlegen. Ich habe mich bereits entschieden es zu nehmen, antworte ich ihr.

Das Büro meiner Fachbereichkoordinatorin, das eigentlich nur ein halbes Büro ist, ist in erster Linie eines: pink. Rechts von ihrem Computer befindet sich ein pinkes Drehscheibentelefon, links stehen in einem Stiftehalter Hello-Kitty-Schreibutensilien. An der Pinnwand neben dem Schreibtisch hängen Kinderzeichnungen. „Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit“, erzählt uns die Koordinatorin, die neben ihrem blondierten Haar und der dichten Parfümwolke auch noch über ein perfekt durchkomponiertes Outfit in den schönsten Pastelltönen verfügt, während sie darauf wartet, dass einer der Professoren sie anruft. Sie will ihn fragen, ob Iva – eine tschechische Kommilitonin – und ich einen der Kurse ihrer Abteilung belegen können, ob er in Englisch angeboten wird. Die letzten Tage waren in dieser Hinsicht mehr als ermüdend. Ich will eigentlich nicht mehr Zeit als nötig in diesem Büro verbringen, weil die gute Koordinatorin jeden Tag gegensätzliche Aussagen und Informationen für uns bereithält, aber dies alles hinter ihrer lieben Fassade kaschiert. Und doch bin ich nun schon das fünfte Mal hier und muss meinen Stundenplan schon wieder überarbeiten, damit das Learning Agreement unterschrieben werden kann. Bürokratie ist einfach wundervoll.

“Do you think it is inappropriate to lie down here?”
Ich zurre unsicher an dem unfamiliären Stoff auf meinem Kopf, während ich bewundernd an die Decke der Blauen Moschee schaue, und denke über Christiaans Frage nach. Ob es unangebracht ist, sich in einer Moschee im Touristenbereich auf den Boden zu legen? Nun, wer weiß.  Fakt ist, dass mich die Antwort in keinem Fall wirklich davon abhält, mich einfach auf den Boden zu legen, und das tue ich. Und so liegen wir schlussendlich nebeneinander in der berühmtesten aller Moscheen, dem Heiligtum des Islams, und bewundern die Fliesenmosaike an der Decke, die so blau nun auch wieder nicht sind.