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Dienstag, 18. Dezember 2012

mittelerde - oder auch nicht

"Wir haben hier keine Reservierung für acht Personen." Die Mitarbeiterin des Kinos blickt von ihrem Bildschirm auf und schaut mich gelangweilt an. Es könnte ihr nicht egaler sein. 

Ich starre sie ungläubig an und versuche zu herauszufinden, ob ich sie vielleicht missverstanden habe. Ob sie vielleicht etwas anderes gesagt hat - mein Türkisch ist schließlich noch immer nicht wirklich gut - aber nein, hat sie nicht. "Wenn Sie Ihre reservierten Karten abholen wollen, dann brauchen Sie den Code, den Sie am Telefon erhalten haben." 
"Aber wir haben nicht per Telefon reserviert!", erkläre ich ihr zum fünften Mal. "Wir waren am Samstag hier und haben es vor Ort gemacht!" Sie schüttelt nur erneut teilnahmslos den Kopf und ich gebe auf - meine Türkischkenntnisse reichen hier nicht aus und es lässt sich so oder so nichts machen, da die Vorstellung für den Hobbit komplett ausverkauft ist. Schon wieder. 

Niedergeschlagen kehre ich zu meiner Gruppe zurück und erkläre die Situation. Cansu kommt im Kino an, versucht es als Muttersprachlerin ebenfalls noch einmal - erfolglos. Unser Kinoabend wäre damit endgültig geplatzt. Die Stimmung ist zunächst im Keller, doch Nienke bietet an, dass wir einfach ein bisschen Bier kaufen und bei ihr in der Wohnung sitzen könnten. Christiaan, Jessica und ich kommen dem nach, die anderen - Cansu, Nate - der Amerikaner - und Fabio sowie Carolina - die Portugiesen - kehren einfach wieder nach Hause zurück. 

Als ich die Wohnung von Nienke betrete, die sie sich mit elf anderen Erasmus-Studenten teilt, begrüßt mich Ahmed, Türke, indem er den anderen Anwesenden lautstark verkündet: "Dieses Mädchen ist unglaublich gut in Türkisch. Ernsthaft, incredible. Und das in nur vier Monaten!" Vier einhalb, aber das sage ich nicht laut. Er verwickelt mich in eine Konversation auf Türkisch, fragt mich, was ich am Tag gemacht habe und was ich gegessen hätte - Anfängerniveau. Nichtsdestotrotz sind alle anderen Anwesenden beeindruckt, zu meinem Leidwesen. Ich bin nicht einmal stolz auf meine Leistung, aber es ist anscheinend mehr, als sie vollbringen könnten. Nun ja. Der Abend vergeht ziemlich schnell, es ist eine entspannte Runde inmitten von Menschen, die mir in den letzten drei einhalb Monaten in Istanbul ernsthaft ans Herz gewachsen sind. Einige werde ich bald nicht mehr wieder sehen, die ersten "Lebe Wohl"-Sagungen stehen kurz bevor. Ein Gedanke, der mich wirklich wehmütig macht. 



Sonntag, 21. Oktober 2012

tumblr

Mal so ganz nebenbei: ich habe mir in den letzten Tagen einen tumblr für meine fotografischen Erzeugnisse zugelegt. Dort finden sich unter Anderem ein paar sehenswerte (Bescheidenheit siegt, wie immer) Beobachtungen aus der Türkei.

Zu finden hier: 
KLICK HIER, NA MACH SCHON


Mittwoch, 17. Oktober 2012

zwei monate türkei. sie faziziert wieder.

Dieser Post wäre eigentlich am 6. Oktober fällig gewesen. Weiß ja keiner, darum gibt es den heute.
"But I really have to say...as much as I hate parties, this", Frederike macht eine ausladende Geste, die die gesamte Bosporus-Küste und die Brücke darüber mit einschließt, "is amazing." 
Ich lasse meinen Blick über die Küstenlinie wandern, über die vielen bunten Lichter, die die Umrisse der Gebäude schattenhaft nachzeichnen, das Wasser, das von den Beleuchtungen der Stadt angestrahlt wird und geisterhaft schimmert, das farbenfrohe Lichtspiel über der Bosporusbrücke, und nicke in stummer Zustimmung. Die inbrünstige Begeisterung, die in der Stimme der deutschen Erasmus-Studentin mitgeschwungen ist, wirkt infektiös, und mir wird einmal mehr bewusst, wie glücklich ich darüber bin, hier zu sein. Nicht nur hier, auf diesem vollgedrängten Boot voller partywütiger Erasmusstudenten, sondern hier, in Istanbul, hier, in der Türkei. 


Es ist nun heute schon zwei Monate her, dass ich in Berlin meinem Vater zum letzten Mal zuwinkte, ehe er hinter den Absperrungen am Flughafen Schönefeld verschwunden war. Seit ich in den Flieger stieg und zwischen Müdigkeit und Aufregung hin- und hergerissen gar nicht wusste, was ich denken sollte. 
Als ich vor acht Wochen hier ankam, sprach ich kein Wort Türkisch. Inzwischen hat sich das geändert. Die Sprache, die damals noch so fremdartig und abstrus anders erschien, hat einen ganzen Teil ihrer Fremde verloren und ist nun zwar immer noch weit davon entfernt, mir vertraut zu sein, aber ich bin, wie ich immer wieder betone, überlebensfähig. Dass das stimmt, habe ich in zahllosen Situationen bereits für mich selbst und Andere beweisen können. Doch der Weg, der noch vor mir liegt, ist weit - dieser Eintrag soll einen kleinen Einblick in all die Stolperfallen gewähren, die die türkische Sprache so bereithält.

Lektion 1: Bir bira lütfen!
Wenn dem aufmerksamen Beobachter von Erasmus-Studenten eines auffällt, dann, dass ein jeder Neuankömmling ohne Türkischvorkenntnisse innerhalb kürzster Zeit versteht, dass es einfach Dinge gibt, die man in der Landessprache beherrschen sollte. Und so können dann alle nach ein paar Tagen das beinah allabendliche Bier bestellen und sich artig für erbrachte Dienstleistungen bedanken. Das Zählen bis zwanzig ist innerhalb weniger Tage gemeistert. Bei so Manchem stockt es danach, Manche hingegen - so wie ich, wie ich bescheidenerweise sagen muss - beherrschen auch die grossen Zahlen bis in die Tausender innerhalb weniger Tage. Was dann jedoch folgt, ist der Härtetest auf der Strasse und ausserhalb des Klassenraums: Kommunikation mit den Einheimischen. Und da liegt der Haken. Denn die Ortsansässigen Türken haben, so zeıgt sich schnell, ihre Sprache nicht aus dem Lehrbuch erlernt. Und wer da schon als Ausländer nach dem Preis fragen muss, der wird dann auch hemmungslos mit originaltürkischer Aussprache konfrontiert. Dass da die Zahl zweihundert, iki yüz, nicht "iikii jühs", sondern viel eher wie "iküz" ausgesprochen wird, versteht man schnell, und dass "yirmi beş" auf der Strasse viel eher klingt wie "yürmbäsch", das sieht man dann auch relativ schnell ein. Allerdings darf sich ein jeder Leser an dieser Stelle die zahllosen Situationen ausmalen, in denen nicht nur ich, sondern auch viele meiner nichttürkischen Mitmenschen ein überdimensionales Fragezeichen auf dem Kopf hatten. 

Lektion 2: Adın ne?
Die erschreckend wenigen Mit-Erasmusler, die Sprachkurse belegen, werden genau wie ich zunächst mit der stets gleichen Konversation bestraft, die sie lernen müssen, bis sie nachts davon träumen, und die den Einstieg in die deutsche Sprache erleichtern soll. 
"Hallo, wie geht es dir?"
"Mir geht es gut, und dir?"
"Gut, danke. Wie ist dein Name?"
"Klaus. Und deiner?"
"Erika."
"Schön, dich kennen zu lernen."
"Ebenfalls." 
Und wieder: der eifrige Student, der dies schnell meistert, geht auf die türkischen Straßen und redet mit türkischen Menschen in türkischer Sprache - und dann benutzen die andere türkische Wörter als die, die man soeben in mühevoller Kleinarbeit in sein kleines Köpfchen geprügelt hat. Als Engin das erste Mal in Antalya vor mir stand und fragte: "Ismin ne?", habe ich ihn nur angeschaut, als käme er von einem anderen Planeten. Beim dritten Anlauf benutzte er dann ein mir vertrautes Wort (Adın ne?), da hat es schlussendlich Klick gemacht. Mir würden aber auf Anhieb noch fünf weitere Floskeln einfallen, von denen wir eine Version gelernt haben, obwohl andere Versionen mindestens genauso oft verwendet werden. Irritierend!

Lektion 3: Bir şeyler içmek istiyor musun? Oder auch: Brşlrçkormsun?
Da wir ja schon bei türkischer Aussprache waren, hier einmal die claudiophone Umschreibung des in der Überschrift erwähnten Satzes: 
[ BIER scheyLER ietschmek estieyohr muhSUNN? ]
Was die Türken daraus in ihrer alltäglichen Kommunikation machen, hat nicht viel damit gemeinsam. 
[ Brrschhlrrrtschkormsunn? ]
Ich denke, die Schwierigkeit hierbei wird deutlich. Manchmal denke ich, wenn man ordentlich und akzentfrei Türkisch sprechen möchte, muss man einfach lernen, bei hoher Geschwindigkeit effektiv zu nuscheln.

Lektion 4: Did you learn all that in just two months?
Nun ja, offensichtlich, ja. Könnten wir jetzt bitte wieder dazu übergehen, Türkisch zu sprechen, und den Teil mit den Komplimenten überspringen? Abgesehen davon habe ich nicht mehr gesagt als das, was ich schon nach zwei Wochen Sprachkurs konnte. Ernsthaft, das Wort intensiv impliziert, dass man große Fortschritte innerhalb kurzer Zeit macht. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?

Lektion 5: Yabancı mısın?
Ehrlich mal, so eine Frage wäre in Deutschland unter allem Niveau. Hallo, sind Sie Ausländer? Aber man ist hier ja nicht in Deutschland und kennt das Nationalgefühl der Türken ja schon zur Genüge - mehr dazu am 29. Oktober, dem Feiertag der Republik -, darum gewöhnt man sich recht schnell daran, auf diese Frage (die man wirklich sehr häufig zu hören bekommt) nur zu antworten: Ja, ich bin Ausländer. Ist ja auch so. 

Lektion 6: Arkadaşlar, gelecek hafta benle sınıftan sonra üniversiteden yakında çay içmek istiyor musunuz?
Freunde, möchtet ihr nächste Woche nach der Stunde mit mir in der Nähe der Uni einen Chay trinken gehen? Tim musste diese Frage bestimmt dreimal wiederholen, ehe er sich in der Gruppe der Studenten, die nach dem zweimal wöchentlich stattfindenden Türkischkurs an der Yeditepe vor dem Klassenraum standen und sich unterhielten, Gehör verschafft hatten. Ja, möchten wir, kam von allen die einstimmige Antwort, gefolgt von ein paar weiteren Minuten Konversation auf Türkisch. Ich kann diesen unbändigen Stolz nicht so richtig beschreiben, dass ich inzwischen tatsächlich in der Lage bin, ganze - wenn auch simple - Konversationen auf Türkisch zu führen. 

Lektion 7: Sen Türkçe konuşuyor musun?
Du sprichst Türkisch? Jedes Mal, dass ich diese Frage in Begleitung mit einem milde überraschten Gesicht gestellt bekomme, antworte ich inzwischen nur noch lächelnd und mit einem Schwall Sarkasmus: Tabii ki, çok iyi konuşuyorum. Natürlich, sehr gut.

Samstag, 29. September 2012

Momentaufnahmen

mit Mustafa
Mittag!
Idiotie zur Mittagszeit

Eleganz in Thermessos


Amphitheater
Essen in Antalya'scher Mensa
Lernalltag

Cay und Simit
Deutsch - Slowakin - Tschechin
Kollabierende Studenten
 im Prüfungsstress.
Ich starre auf den blinkenden Cursor, der das reine Weiß der leeren Word-Seite in seinem stetigen Rhythmus durchbricht, und versuche, mir eine gute Herangehensweise für einen neuen Blogeintrag zu überlegen. Eigentlich müsste ich schlafen, es ist kurz vor 12 am Mittwochabend. Ich bin gerade aus dem Kino gekommen, habe mir mit Christiaan einen Film angesehen. Morgen muss ich irgendwann vor sieben aufstehen, da um 9 meine Uni beginnt und ich ausnahmsweise mal pünktlich sein möchte. Bis auf das Tippen der Tasten und gelegentlichen Geräuschen auf der Straße, dem Quietschen von Reifen, dem Hupen der Dolmuş‘, ist es vollkommen still hier. Ich habe eine ruhige Wohnung gefunden. Doch wie kann ich deutlich machen, mit was für einer Flut an Impressionen ich in den letzten Wochen überrollt wurde? Kann ich nicht. Ich kann nur kleine Einblicke geben, Momentaufnahmen, Bildausschnitte aus meiner Wahrnehmung und Erinnerung.

Antalya’dan | Aus Antalya


„…Und darum bitte ich euch, die Türkei in euren Heimatländern zu unterstützen, damit wir in die Europäische Union kommen können! Vielen Dank, dass ihr die Türkei gewählt habt.“

Höfliches Klatschen ertönt. Ich sehe mich im Saal um und sehe viele höflich dreinschauende Gesichter. Die Rede des ersten wichtigen Anwesenden an diesem Tag (wichtig als subjektive Bezeichnung aus der Sicht des Organisators, meines Lehrers Ümit – ich habe mir nicht einmal die Positionen für fünf Minuten lang merken können) ist vorüber, eine zweite folgt sofort, diesmal allerdings in türkischer Sprache. Der Sprechende scheint sich allerdings nicht darüber im Klaren zu sein, dass man nach drei Wochen Sprachkurs noch nicht fähig ist, ganzen Reden zu folgen. Außerdem blendet er erfolgreich aus, dass man auch nicht mehr Wörter versteht, wenn er die ganz langsam ausspricht. Aber er meint es gut. Nach der Eröffnung werden die Sprachzertifikate überreicht, eine aufwendige Mappe mit dem Wappen der Universität und einem einzigen Blatt Papier darin, das bescheinigt, dass ich „erfolgreich am Intensivsprachkurs teilgenommen“ habe. 
Wie übrigens jeder andere aus dem Kurs.

„Ich kann nicht glauben, dass wir die anderen wirklich nie wieder sehen!“
Annikas Stimme spiegelt wider, wie schwer ihr diese Vorstellung fällt, und wie nah sie ihr unerwarteterweise geht. „Ich realisiere das erst jetzt…“ Ich nicke abwesend und starre auf den Boden, während ich neben ihr durch die brütende Mittagshitze laufe. Ich habe mich an diese Art Abschied gewöhnt, rede mir ein, dass man davon viele im Leben hat. Die Wahrheit ist, dass ich mich einfach nicht weiter damit auseinandersetzen will. „Aber wir haben ja immer noch die Party bei Markus heute Abend“, wende ich schlussendlich ein, „vielleicht sollten wir hingehen.“ Annika stimmt zu.

„Ich gehe.“
Ich schaue Recep ein wenig bedauernd an. In den letzten Wochen sind wir zu einer merkwürdigen Art Freunde geworden. Die Art Freunde, bei der die Kommunikation aufgrund von Sprachbarrieren (brüchiges Englisch und Anfängertürkisch) eingeschränkt ist und die achtzig Prozent der Zeit damit verbringen, sich gegenseitig niederzumachen. Keine sonderlich emotional nahegehende Verbindung, und doch habe ich dieses Geplänkel zu schätzen gelernt.
Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, einen Sekundenbruchteil lang etwas wie Bedauern in seinen Augen aufblitzen zu sehen, ehe er es wie immer mit seinem rüpelhaften Verhalten überspielt und mir gespielt cool die Hand reicht. „We will meet again“, erkläre ich ihm, denn in diesem Moment steht für mich nichts mehr fest als dass ich wieder nach Antalya kommen muss, das paradiesische Antalya, diese wunderschöne Stadt mit dem bezaubernden Yachthafen und der wunderschönen Altstadt und den Strandbesuchen im Mondlicht und den herzlichen Menschen und und und … „Bye.“ Er nickt mir zum Abschied zu, dann drehe ich mich um - und gehe. 


İstanbul’a | Nach Istanbul

İyi günler. Bugün otobüs İstanbul’a var mı?” Guten Tag. Gibt es Busse, die heute nach Istanbul fahren? Ich lächele die Frau vor mir unsicher an. Sie hakt nach, wann genau ich fahren möchte, und sucht dann in ihrem Computer Verbindungen, die sie mir anschließend auf einen kleinen Zettel schreibt. 21:30 Uhr – 9:30 Uhr. Ich schüttele den Kopf, frage versehentlich, ob es spätere Verbindungen gibt, bis mir auffällt, dass ich die Vokabeln verwechselt habe und in Erfahrung bringe, dass an früheren Bussen einer um 18:00 vom Busbahnhof in Antalya abfährt. Es gibt genau einen freien Platz, Sessel 11. Kosten der Fahrt: 65 Lira. Wunderbar, den nehme ich.  Mithilfe unserer Zettelkommunikationsmethode teilt mir die nette Mitarbeiterin der Busagentur Metro noch mit, dass ich um 16:45 vor dem Büro stehen soll, um dann mittels eines Shuttle-Busses zum Busbahnhof transferiert zu werden. Ich schaue auf die Uhr. Das heißt, vier Stunden Zeit. Vielleicht sollte ich in Betracht ziehen, allmählich meine Sachen zu packen. Ich nicke, um mein Verständnis anzuzeigen, dann verabschiede ich mich und gehe. Zum Schluss fragt mich die gute Frau noch in typisch türkischer Manier darüber aus, an welcher Uni ich denn in Istanbul studieren werde. Yeditepe. Für fünf Monate. Ich studiere Medien. Medien. Mä-di-jen? Fernsehen, Radio, Internet...? Beim vierten Anlauf versteht sie, was ich damit meine.

“Affedersiniz? İstanbul’a gidiyor musunuz?“ Entschuldigen Sie, fahren Sie nach Istanbul? Der Mann in weißem Hemd mit „Metro“-Aufdruck nickt bestätigend. Ich gebe ihm meine Koffer, die er wie an Flughäfen mit einem Etikett versieht und im Kofferraum verstaut, dann steige ich in den Reisebus. Es ist noch nicht einmal Sechs, aber ich fühle mich bereits jetzt ausgelaugt. Im Bus, der noch vollkommen leer ist, als ich einsteige, erwartet mich eine positive Überraschung: ich habe einen Fernseher im Sitz! Türkisches MTV, melodramatische Telenovelas, merkwürdig synchronisierte Hollywoodfilme!

Ich atme tief durch. Schaue wieder auf die Uhr. 9:05. Die Zeit lässt mir wirklich keine Gnade. Ich stehe hier, irgendwo im Nichts, und weiß weder, wo ich hinmuss, noch, wo genau ich gerade bin oder wo ich war, bevor ich von dem netten Busfahrer, der festgestellt hat, dass ich vom Busbahnhof den falschen Shuttle genommen habe, in diesen Bus gesetzt wurde. Ehrlich, wenn meine Ankunft in Antalya damals chaotisch war, dann ist meine Ankunft in Istanbul eine komplette Katastrophe. Ich bin übermüdet, ich habe keinerlei Orientierung, ich weiß nicht, wo ich hinmuss, ich bin zu spät. In fünfunzwanzig Minuten beginnt die Eröffnungsveranstaltung an der Yeditepe-Universität und ich befinde mich hier mit meinen beiden superschweren Koffern, die ich eigentlich in Kadıköy bei einer Freundin unterstellen wollte, ehe ich zur Uni muss, im Nichts. Oder vielleicht auch nicht, das weiß ich ja eben nicht. Noch einmal tief durchatmend raffe ich meine Kräfte und meine Koffer und ziehe los. Was soll’s, denke ich mir, ich nehme mir einfach ein Taxi. Ich verlasse den kleinen Bushof und steuere zunächst ein paar Schritte nach rechts, wo auf einer großen Stadtautobahn die Fahrzeuge an mir vorbeirasen. Nein, eher nicht, entscheide ich, und gehe stattdessen nach links, und tatsächlich, nach ein paar hundert Metern finde ich tatsächlich ein Taxi. Zwanzig Lira, so der Fahrer, kostet die Fahrt zur Uni. Ich verlange die Verwendung des Taximeters. Am Ende zahle ich dreißig.


İstanbul’da | In Istanbul

Die Yeditepe Üniversitesi ist groß. Ich weiß nicht, ob ich schon einmal erwähnt habe, dass es sich bei ihr um eine der vielen privaten Universitäten in Istanbul handelt, aber man sieht ihr an jeder Ecke an, dass die Architekten und Betreiber eine Menge zur Verfügung haben. Um das große Eingangstor passieren zu können, muss man durch einen Metalldetektor gehen und dem Sicherheitspersonal im Vorbeigehen den Studentenausweis zeigen. Auf dem Campus, der sehr grün gehalten ist und von diesen modernen Häusern im hässlichen Orange dominiert wird, muss man zunächst einmal einen Hügel hinuntersteigen, um zu den Lehrgebäuden zu kommen – allerdings kann man dies auch mit einem der vielen Minibusse tun, die dort ständig im Kreis fahren und alle lauffaulen Studenten (entschuldigt die Wortwiederholung) an ihre Ziele bringen. In den einzelnen Fakultätsgebäuden gibt es auch noch einmal überall Security an den Eingängen, allerdings meist in Form eines oder zweier Wachmänner hinter einem Schreibtisch. Und dann die Hunde! Überall auf dem Campus gibt es große Hunde. Schwarze, braune, gelbe, zottelige und kurzhaarige. Allesamt zahm und wohlgenährt und tierisch faul.

 „Daniel?“ Meine Stimme klingt genauso überrascht, wie der junge Mexikaner, der sich auf meinen Ausruf hin umdreht, aussieht.
„Hey, was machst du denn hier?“ Er kommt auf mich zu und umarmt mich.
„Ich wohne hier.“ Mit einer Hand deute ich auf das Zimmer, das ich gerade verlassen habe – den Mädchenschlafsaal mit sechs Betten im Hush Hostel. Wir unterhalten uns ein paar Minuten lang über unsere individuellen Reisen nach Istanbul – wir haben gemeinsam den Sprachkurs in Antalya gemacht und sind dort so etwas wie Freunde geworden – und er eröffnet mir, dass auch ein paar andere Sprachkursteilnehmer im Hostel untergebracht sind und waren. Es ist noch immer mein erster Tag in Istanbul, ich bin noch immer müde – und dennoch entscheide ich, seine Einladung, gemeinsam mit ihm und zwei seiner Bekannten aus dem Hostel essen zu gehen, anzunehmen. Man muss sich ja immer sozialisieren. Wenn ich doch zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hätte, wie unglaublich bezeichnend dieses Wort für meine ersten Wochen in Istanbul werden würde.

Das erste, das mir auffällt, als ich in den Flur trete, sind Massen an Schuhen. Frauenschuhen. Sie stehen auf Regalen entlang der Flurwand, bestimmt fünfzig Paare. Meine potentielle Vermieterin, die sich als Burcu vorgestellt hat, lächelt entschuldigend, als sie sieht, wie ich ihre Sammlung mustere, dann zeigt sie mir ihre Wohnung. Ich habe die Annonce für dieses Apartment nicht auf Craigslist gefunden, wie viele andere meiner Erasmuskollegen, sondern bei Couchsurfing. Das Zimmer, welches ich mir hier anschaue, hat mir auch auf den Bildern im Internet sofort gefallen. Die Wohnung ist klein, aber liebevoll eingerichtet und sauber. Bad und Küche sind in gutem Zustand, es gibt alles, was das kochende Herz begehren könnte und der riesige Kühlschrank ist so gut wie leer. When will you tell me if you take the room?, fragt mich Burcu am Ende ihrer kleinen Tour. Wann wirst du mir mitteilen, ob du das Zimmer nimmst? Ich lächle nur, ein wenig verlegen. Ich habe mich bereits entschieden es zu nehmen, antworte ich ihr.

Das Büro meiner Fachbereichkoordinatorin, das eigentlich nur ein halbes Büro ist, ist in erster Linie eines: pink. Rechts von ihrem Computer befindet sich ein pinkes Drehscheibentelefon, links stehen in einem Stiftehalter Hello-Kitty-Schreibutensilien. An der Pinnwand neben dem Schreibtisch hängen Kinderzeichnungen. „Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit“, erzählt uns die Koordinatorin, die neben ihrem blondierten Haar und der dichten Parfümwolke auch noch über ein perfekt durchkomponiertes Outfit in den schönsten Pastelltönen verfügt, während sie darauf wartet, dass einer der Professoren sie anruft. Sie will ihn fragen, ob Iva – eine tschechische Kommilitonin – und ich einen der Kurse ihrer Abteilung belegen können, ob er in Englisch angeboten wird. Die letzten Tage waren in dieser Hinsicht mehr als ermüdend. Ich will eigentlich nicht mehr Zeit als nötig in diesem Büro verbringen, weil die gute Koordinatorin jeden Tag gegensätzliche Aussagen und Informationen für uns bereithält, aber dies alles hinter ihrer lieben Fassade kaschiert. Und doch bin ich nun schon das fünfte Mal hier und muss meinen Stundenplan schon wieder überarbeiten, damit das Learning Agreement unterschrieben werden kann. Bürokratie ist einfach wundervoll.

“Do you think it is inappropriate to lie down here?”
Ich zurre unsicher an dem unfamiliären Stoff auf meinem Kopf, während ich bewundernd an die Decke der Blauen Moschee schaue, und denke über Christiaans Frage nach. Ob es unangebracht ist, sich in einer Moschee im Touristenbereich auf den Boden zu legen? Nun, wer weiß.  Fakt ist, dass mich die Antwort in keinem Fall wirklich davon abhält, mich einfach auf den Boden zu legen, und das tue ich. Und so liegen wir schlussendlich nebeneinander in der berühmtesten aller Moscheen, dem Heiligtum des Islams, und bewundern die Fliesenmosaike an der Decke, die so blau nun auch wieder nicht sind. 
 


 







 


Mittwoch, 15. August 2012

die erste woche - ein zwischenfazit

Und so schnell ist eine Woche vorbei. Bleiben zwei einhalb. Was also habe ich in der Zeit hier getrieben? - Eine kurze Auflistung, heute weniger prosaisch, dafür aber mit stichhaltigeren Informationen für alle, die das irgendwie interessant finden. 


Tagesablauf

07:15 Der Wecker klingelt. 
07:45 Frühstück im Garten des Hotels, das zum Hostel gehört. Reichhaltig und abwechslungsreich und für Hostelgäste absolut kostenfrei. (Die Melonen sind zum Niederknien. Außerdem gibt es Feta-Käse in Massen, in den ich mich jedes Mal reinlegen könnte.) 
08:15 Aufbruch zum Bus, zu dem wir zu Fuß fünfzehn Minuten brauchen. Annika wird dabei fast jedes Mal von ein- und demselben Hund verfolgt, der sich auf den ersten Blick in sie verliebt hat. Er versucht immer, mit den Bändern ihres Rucksacks zu spielen, indem er danach schnappt - da sie allerdings tierische (haha, flacher Wortwitz) Angst vor Hunden hat, haben wir heute eine andere Route aus der Altstadt heraus ausprobiert und hätten uns fast verlaufen. Fast.
08:30 Jeden Tag mehr oder minder zufälliges Aufeinandertreffen mit den anderen Kursteilnehmern an der Bushaltestelle. Die Fahrt zur Uni dauert zwanzig Minuten, gezahlt wird beim Fahrer - eine Fahrt kostet 1,75 Lira, das entspricht ungefähr 90 Cent. 
09:00 + mindestens 10 Minuten Der Unterricht beginnt. Wie bereits erwähnt, wechseln die Lehrer jeden Tag, ich glaube, ich hatte bisher nur den guten Yusuf zwei Mal. Die Türken nehmen das mit der Pünktlichkeit nicht so genau (wer mich kennt, kann sich denken, dass ich mich hier sehr wohl fühle), darum ist es okay, wenn man mal fünf Minuten später kommt, denn der Lehrer übertrifft einen immer um mindestens fünf weitere. Ich wette, ich bin nicht fähig, meine Aufmerksamkeit länger als fünfzig Minuten auf etwas zu fokussieren, wenn ich wieder in Deutschland bin, denn irgendwie machen wir hier immerzu Pausen. Der Unterricht beginnt mit fünfzehn Minuten Verspätung, macht nichts, dreißig Minuten später gibt es erst einmal eine Pause. Von 9 bis 12 sind es nur 3 Stunden? Macht nichts, machen wir trotzdem zwei Pausen zwischendurch. Die Lehrer sprechen teilweise besser Deutsch als Englisch, sodass meine deutschen Kumpanen und ich immer als Dolmetscher für alle anderen Europäer fungieren, was irgendwie witzig ist. Heute kam meine Lehrerin zu mir und bat mich, für Amy (Britin) zu übersetzen, was sie ihr mitteilen wollte.
12:00 Mittagspause. Essen gibt's in der Cafeteria für Studenten für 4,25 Lira oder in der für Lehrer für 6 Lira. Wir essen inzwischen meist in der für Lehrer, einfach, weil das Essen dort besser und vielfältiger ist. Für die umgerechneten drei Euro bekommt man dort ernsthaft ein Viergänge-Menü! Eigentlich dürften, wie der Name sagt, nur die Lehrer dort essen, aber für den Notfall haben wir immer noch unsere besondere Begründung "We're Erasmus students" und dann werden wir in Ruhe gelassen. Ich kann inzwischen sogar schon auf Türkisch bestellen ("Hallo! Ein Menü, bitte." - "Danke!"), was mich jedes Mal sehr stolz macht. Ich meine, hey, eine Woche! Um 
13:00 geht es dann weiter mit dem Unterricht. Gestern ist die Klimaanlage im Fakultäts-Gebäude ausgefallen, da hatten wir nachmittags frei und fuhren stattdessen in das Antalya Museum. Ich mag Museen, manchmal. Aber ernsthaft, Steine kann ich mir auch am Konyaaltı-Strand anschauen, die gibt es da nämlich zuhauf. 
15:30 Feierabend! Je nach Laune und Menge der Hausaufgaben geht es hinterher an den Strand, ins Hostel und dann in den Pool, auf die Terasse oder anderweitigen Beschäftigungen nach. Und danach direkt unter die Dusche. 
Der Rest des Tages verlief bisher jedes Mal anders. Montag waren wir abends auf eine Party eingeladen, letzte Woche gingen wir mehrmals mit ein paar Mädels zum Yachthafen, um ein Glas Pfirsichsaft oder einen Cocktail zu trinken, und hin und wieder gehe ich auch meinen sozialen Kontakten in Europa nach und kommuniziere mit euch Menschen da drüben. Für heute Abend wurde ich auch dazu eingeladen, mit ein paar Leuten etwas zu trinken, wir werden sehen, was ich schlussendlich mache... 

Die Sprache 

Türken sind ein unglaublich kommunikatives und hilfsbereites Völkchen, und jedes Mal, das Annika und ich irgendwo ahnungslos in der Gegend herumstehen, taucht wie aus dem Nichts jemand auf, der uns weiterhelfen kann. In Deutschland würde einem das niemals passieren. Montag beispielsweise standen wir abends an der Haltestelle und unterhielten uns auf Deutsch - und mit einem Mal stand ein türkisches Pärchen neben uns und fragte uns auf Deutsch, ob wir Deutsche seien. Die beiden lernen die Sprache, um in Deutschland zu studieren, und so haben wir uns zum Teil Deutsch, zum Teil Englisch und Türkisch unterhalten, bis der Bus kam. In Deutschland? Unvorstellbar. Ich versuche immer, mit den Menschen Türkisch zu sprechen, bedanke mich auf Türkisch, begrüße auf Türkisch, verabschiede mich auf Türkisch. In unserer Straße gibt es schon Einige, die Annika und mich kennen und wissen, dass wir ihre Sprache lernen, darum versuchen sie immer, ein bisschen mit leichten Sätzen aus uns herauszukitzeln, was wir bereits können und uns gegebenenfalls zu berichtigen. Das ist der große Vorteil daran, eine Sprache in ihrem Heimatland zu erlernen: lernt man eine Sprache in der Schule, so hat man eine Stunde Unterricht und geht dann nach Hause - und spricht Deutsch. So jedoch lernen wir im Unterricht Türkisch, gehen dann nach Hause - und überall, wo wir hingehen, sehen und hören wir Türkisch. Ich finde das ganz wundervoll. 

Türkisch ist absolut keine schwere Sprache, man muss nur verstehen, wie sie funktioniert. Es gibt so gut wie keine Ausnahmen, alles ist absolut logisch - warum gibt es nicht mehr solcher Sprachen auf der Welt? Was mir allerdings Schwierigkeiten bereitet, ist das Behalten der Vokabeln und die Aussprache. Und natürlich das Hörverstehen auf der Straße. Aber da komme ich auch schon noch hinter.